DIE MEISTER DER ALTSERBISCHEN MALEREI VOM ENDE DES XII BIS ZUR MITTE DES XV JAHRHUNDERTS

von Svetozar Radojčić

In den letzten Jahren wurde in Jugoslawien eine unerwartet grosse Zahl von Malerunterschriften aus der Zeit vom Anfange des XIII bis zum Ende des XVII Jahrhunderts entdeckt. Schon früher, zwischen den zwei Weltkriegen, fanden G. Millet, V. Petković, Dj. Bošković und Dj. Mano-Zisi einige interessante Malerunterschriften auf den Fresken der serbischen Klöster. Nach diesem älteren Material hatte es den Anschein, dass die Unterschriften in der altserbischen Malerei eine seltene und nicht besonders wichtige Erscheinung seien. Nach den letzten Entdeckungen der alten Unterschriften — meistens aus dem XIII Jahrhundert — wurde es klar, dass diese Signaturen auf den erhaltenen Werken ein sicherer Ausgangspunkt für weitere Detailforschungen sehr wichtiger Probleme bieten, welche in der Geschichte der altserbischen Malerei bis jetzt überhaupt nicht einmal angeschnitten waren.
Aus der Blütezeit der altserbischen Kunst, vom Ende des XII Jahrhunderts bis zur türkischen Invasion, verfügen wir über etwa zwanzig Malerunterschriften. Stellen sie wirklich wichtige und nützliche Data dar? Kann man aus ihnen etwas mehr als den leeren Namen erfahren ?
Auch in dem weiteren Rahmen der gesammten byzantinischen Kunst sind die Meister, als bestimmte Persönlichkeiten, nicht näher erforscht. Die Fachlitteratur über dieses interessante Problem ist, glaube ich, in der Abhandlung A. Frolows über Thomas von Damaskos am bessten zusammengestellt.
Über die Meister der altserbischen Malerei findet man Erwähnung nur in kürzeren Notizen von V. Petković, V. Ćorović und Mano-Zisi. In den letzten zwei Jahren wurde besonders lebhaft die Autorschaft der Miniaturen des Evangeliars des Fürsten Miroslav (XII Jahrhundert) beschprochen. Die ganze Disskusion ruht leider auf sehr kühnen Hypothesen, welche noch mit dem Probleme des bosnischen Bogumilentums verbunden sind. Es ist zweifellos, dass die Miniaturisten des erwähnten Evangeliars unter starkem Einflüsse apulischer Vorlagen standen, aber das gibt uns kein Recht, die Miniaturen dieser Handschrift bestimmten zaratiner Malern zuzuschreiben von denen Thomas von Spalato behauptet, dass sie auch in Bosnien künstlerisch tätig waren.
Unterschriebene und meistens datierte Fresken, Ikonen und Miniaturen aus alten serbischen Klöstern gaben eine Reihe sehr kostbarer Daten über einzelne Meister, über Ursprung, Entwicklung und Eigenschaften ihrer Kunst. Über einige Meister finden wir wichtiges Material in den Archiven der adriatischen Küstenstädte, vor allem in Dubrovnik und Kotor. Die Erwähnungen der Künstler in den Viten der serbischen Herrscher und Erzbischöfe sind dagegen ebenso selten wie allgemein gehalten.
Die ersten Meister in den ältesten Kirchen der Raška - Schule waren Griechen. In den Viten Stephan Nemanjas und des Hl. Sabbas werden «die Maler aus Konstantinopel» ausdrücklich erwähnt, wahrend die Meister aus Saloniki als «sehr tüchtige Maler» gelobt werden. Von den in den serbischen Quellen genannten Fresken des ausgehenden XII Jahrhunderts sind nur einige Fragmente erhalten, die sich in der St Georgskirche zu Ras und in Watopedi befinden. Das watopeder Fragment ist stylistisch einem Kopfe aus der erwähnten Georgskirche sehr ähnlich.
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Kopf eines Apostels aus der Kirche des Hl. Georgs zu Ras, cca 1180.

Der Linearismus der byzantinischen Malerei des späten XII Jahrhunderts ist auf der serbischen und watopeder Freske fast identisch. Einer Kunde Theodosios in dem Leben des Hl. Sabbas zufolge wissen wir, dass Stephan Nemanja und sein Sohn das Refectorium in Watopedi bemalen Hessen.
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Die Apostel Peter und Paul, Watopedi, Refectorium, cca 1197-982.

Das geschah während der Herrschaft Alexios III (1195 - 1203), also etwa zur selben Zeit, wie die Fresken in der Kirche des Hl. Georgs. Diese Tatsache berechtigt uns den Schluss zu ziehen, dass die Maler derselben griechischen Werkstätte auch für Stephan Nemanja auf dem Heiligen Berge und in Serbien tätig waren.
Ein Grieche war es auch der Maler der im Jahre 1209 die Fresken auf dem blauen Grund in der Muttergotteskirche zu Studenica, für den ältesten Sohn Stephan Nemanjas, Wukan, vollendete. Sein Name befand sich in einer langen Formel welche leider gerade auf dieser Stelle beschädigt ist.
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Die Unterschrift des Malers aus der Muttergotteskirche in Studenica, 1209.

Dem Stile der «blauen» Fresken in Studenica nach, aus dem Anfange des XIII Jahrhunderts, kann man schliessen dass ihr Meister ein «pictor graecus» aus Italien war.
Den ältesten slavischen Malerunterschriften begegnet man an den Fresken zu Mileševa, in der Grabeskirche Königs Vladislav und des Hl. Sabbas, welche um das Jahr 1235 vollendet sind. Schon früher festgestellte «drei Hände» auf dem Goldgrunde der Fresken zu Mileševa, sind jetzt, nach der Entdeckung der Unterschriften weit klarer — aber doch noch nicht ganz klar. Nämlich, in Mileševa haben sich drei Meister unterschrieben : Demetrios, Georgios und Theodoros — doch nicht auf den von ihnen gemalten Fresken, sondern ein jeder zu Füssen seines Namenspatronen ; diese sind jedoch wahrscheinlich alle das Werk eines Meisters, Demetrios ? Unter den Meistern des Monumentalstils aus dem XIII Jahrhundert sind die Maler aus Mileševa Vorläufer der grössten serbischen Künstler, nämlich der nicht genannten Meister der Fresken in Sopoćani aus der Mitte des XIII Jahrhunderts. Alle Meister aus Mileševa signieren die Heiligen slawisch. Slawisch sind auch die Bandsprüche ebenso wie ihre Unterschriften. Es ist sehr charakteristisch, dass diese drei Maler, obwohl sie dieselbe Technik anwenden, doch nicht eine stilistisch homogene Gruppe darstellen. In der Muttergottes Kirche in Ochrid (heute Kirche des Hl. Clemens) sind auf den Fresken, aus dem Jahre 1295, die ältesten Unterschriften der Maler Michael und Eutychios entdeckt. Beide Meister sind schon längst als Maler des Königs Milutin bekannt. Die Zeitspanne ihrer signierten Werke umfast jetzt die Jahre 1295 bis 1317. Die von Michael und Eutychios stammenden Fresken in Ochrid unterscheiden sich solchermassen von ihren bis jetzt bekannten Werken, dass man in der Fachliteratur vom «ersten» und vom «zweiten» Stil Michaels und Eutychios zu sprechen begann. Die Fresken in Ochrid, im Hl. Nicetas und im Alt - Nagoričino geben einen sicheren Beweis dass beide Maler, etwa zwischen 1295 und 1307, ihre Malweise vom Grunde aus geändert haben.
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Das Gebet am Ölberge, Freske in der Kirche des Hl. Clemens zu Ohrid, aus dem Jahre 1295.

Bis zur Neuentdeckung der Fresken im Hl. Clemens in Ochrid wurde immer betont, dass Michael und Eutychios, mit ihrer Variante des Hofstils der Paläologen, jene Künstler waren die König Milutin durch seine Familienbeziehungen, nach der Heirat mit Simonis, aus Konstantinopel zu sich kommen lies.
Die westlichen Elemente auf ihren Fresken blieben jedoch rätselhaft. Der Hypothese V. Petković nach, aus dem Jahre 1941, sollte Michael aus dem Hl. Nicetas und Alt - Nagoričino mit dem Michael aus Bologna identisch sein. Dieser war ein ragusanischer Maler aus dem Anfange des XIV Jahrhunderts dem die Freskomalerei der ragusanisher Kathedrale anvertraut war. Diese Hypothese wurde durch folgende Tatsache unterstützt : im Kalenderzyklus von Alt - Nagoričino begann Michael das Kirchenjahr mit dem Monate März, ganz wie es im Westen die Sitte war. Es wäre wirklich sehr schwer anzunehmen, dass ein Hofmaler aus Konstantinopel das Kirchenjahr mit dem Monate März anfangen möchte. Neue Entdeckungen lieferten bis jetzt unerwartete Beweise. In der Kirche des Hl. Clemens in Ochrid unterschrieb sich der Meister Michael als ΜΙΧΑΗΛ ΤΟΥ ACTPAΠA.
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Hl. Mercurios mit der Unterschrift des Malers Michaels in der Kirche des Hl. Clemens zu Ohrid, 1295.

Ungewöhnlicher Name Astrapas wurde erst durch die unlängst gefundene Inschrift in der Vorhalle der Kathedrale in Prizren vollkommen geklärt. In dieser serbisch geschriebenen Inschrift aus dem Jahre 1309 ist nämlich der Meister Astrapas als der Hauptmaler derselben Kathedrale bezeichnet. Demzufolge ist der Meister Michael Astrapas' entweder der Sohn oder der Schüler des Meisters Astrapas, welcher Hofmaler des prizrener Bischofs Sabbas, des späteren serbischen Erzbischofs Sabbas III, war. Die Hypothese von der Identität Michaels, des Malers des Königs Milutin, mit dem ragusaner Maler Michael aus Bologna muss also verworfen werden, aber noch immer bleibt die Tatsache, dass man in der Kunst der Meister Astrapas, Michael und Eutychios vielen westlichen Elementen begegnet. Besonders in ihrem ersten Stil halten sich Michael und Eutychios an die Traditionen der älteren serbischen Malerei des XIII Jahrhunderts in welcher die Reminiszenzen an Italien klar hervortreten.
Dazu genügt es die grossartige Freske Marias Tod in Ochrid mit der Freske desselben Inhaltes in Alt - Nagoričino zu vergleichen, um den grossen Unterschied in der Grundkonzeption und der Malweise zwischen dem «ersten» und «zweiten» Stil der beiden Meister zu erfassen.
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Marias Tod aus der Kirche des Hl. Clemens zu Ohrid, Freske aus dem Jahre 1295.

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Himmelfahrt der Gottesmutter, Alt-Nagoričino, Freske aus dem Jahre 1317.

Es ist leicht erklärbar warum es zu diesem Stilwechsel kam. König Milutin verlangte, dass die Maler seiner Kirchen den konstantinopoler Hofstil nachahmen. Nicht so leicht ist es die Phasen dieses Übergangs zu folgen ; die Lösung wird uns vielleicht die Freilegung der alten Fresken in Katholikon des Klosters Chilandari bringen und vielleicht könnte man die Beziehungen dieser Fresken zu jenen im Protat auf diese Weise feststellen. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Fresken in Hl. Clemens jenen in Protat sehr ähnlich sind. Zum Beispiel, das Gebet am Ölberg im Protat und in Ochrid zeigen Ähnlichkeiten, welche nicht nur dem Zufalle zugeschrieben werden können.
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Das Gebet am Ölberge, Freske in der Kirche des Hl. Clemens zu Ohrid, aus dem Jahre 1295.

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Das Gebet am Ölberge, Protat.

Den Meistern Michael und Eutychios steht der Maler Johannes sehr nahe, dem die erlesenen Fresken in der Kirche des Hl. Demetrios im Patriarchat zu Peć zu verdanken sind ; er hat sich griechisch unterschrieben, obwohl alle übrigen Inschriften auf seinen Fresken serbisch sind. Aus seiner griechischen Signatur muss nicht der Schluss gezogen werden, dass er auch ein geborener Grieche gewesen sei. Den Akten der dalmatinischen Archive nach, musste «pictor græcus» kein geborener Grieche sein, sondern ein Maler der nach «griechischer» Art seine Kunst ausübt. So ist «pictor græcus» auch «der sündige» Sergius, ein Maler aus Kotor, der den Genesiszyklus und Miracula Sancti Demetrii in Dečani malte. Wie weit er aber, obwohl ein «pictor græcus», vom griechischen Milieu entfernt war, sieht man am besten aus einer Szene der Miracula Sancti Demetrii. Er hatte keine Ahnung davon wie eine griechische Stadt aussieht. Saloniki, nämlich, auf der Freske in Dečani, ist eine mittelmeerländische Komune : klar sieht man die romanische Katedrale, Campanile, Baptisterium, die Antike Säule auf dem Markte, wo sich auch der Palazzo comunale, mit starkem Turm in der Mitte, befinden.
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Hl. Demetrios errichtet den gefallenen Turm der Stadtmauer von Saloniki, Freske des Meisters Sergius zu Dečani, cca 1340.

Alle diese Einzelheiten auf der Freske des Meisters Sergius liefern uns den Beweis, dass er ein Slawe war, gebildet in den Malerwerk-stäten des adriatischen Küstenlandes. Das Leben, die Schulung und die künstlerische Tätigkeit der Meister aus diesen Kreisen sind aus den Akten sichtbar, welche Professor Tadić in den Schriften der serbischen Akademie der Wissenschaften unter dem Titel : Monumenta res pictorias ragusinas illustrantia, a XIII ad XVI sæculum — vol. I, 1284 - 1499 — herausgegeben hat.
Der zweifache Ursprung der altserbischen Malerei, nämlich der östliche und westliche, spiegelt sich besonders klar in den Stilgegensätzen der signierten Fresken, des späten XIV und des frühen XV Jahrhunderts der sogenannten Morava - Schule.
Der Stil dieser Schule war um das Jahr 1380 formiert, wie das die Fresken des Meisters Konstantin in Ravanica bezeugen. Die Eigenschaften dieses Stils erreichten den Höhepunkt in der Malerei der Stiftung des Despoten Stephans in Resava, auf den Fresken mit sehr edlem Kolorit und in breiten fein gegliederten Kompositionen. Dieser hochentwickelte Stil fand aber nicht die allgemeine Annahme bei allen damaligen Malern. Die Fresken des Klosters des Hl. Andreas bei Skoplje, welche vom Metropoliten Johannes aus Zrze und von seinen Mitarbeitern stammen, waren von der Kunst des XIII Jahrh. stark beeinflusst, obwohl sie im Jahre 1389 entstanden sind. Diese gelehrten Eklektiker schufen eine konservative Kunst, welche aber keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr hatte.
Der Bruder des Metropoliten Johannes, Makarios, versuchte in Ljubostinja mechanische Kombination der traditionstreuen Kunst seines Bruders mit jener der fortschrittlichen Morava — Schule zu geben — aber der volle Erfolg blieb aus.
In seinem Bestreben die gegensätzlichen Kunstströmungen in eine Harmonie zu verbinden war der Maler Theodoros viel glücklicher. Von ihm stammen die Fresken im Kloster Rudenica auf welchen seine Abhängigkeit von der italienischen Ikonographie leicht erkennbar ist. Indessen besitzt das Kloster Chilandari eine Handschrift der Reden des Hl. Johannes Chrysostomos mit den Miniaturen desselben Theodoros, welche beweisen, dass er mit den Werken der konstantinopoler Hofschule des spaten XIV Jahrhunderts gut vertraut war. Auf einem Ornament in der erwähnten Handschrift nahm Theodoros als Zentralmotiv ein Stilleben : drei Birnen auf einem Teller. Als Überbleibsel der späten Antike, findet man dieses Stilleben in einer viel reicheren Form auch in den Miniaturen der konstantinopoler Handschriften des XIV Jahrhunderts. Der Maler Theodoros, in den historischen Quellen Todor Savin genannt, Schüler eines gewissen Georgs des Griechen aus Kotor, war genötigt denselben Weg zu gehen welchen seinerzeit die Maler Michael und Eutychios gegangen sind. Auch diese Verliesen ihre «Picturam græcam» und gingen zur konstantinopoler Kunst, um das Jahr 1300, über, was Theodoros, um 1400 in Smederevo tat, als er die Kunst seines Lehrers verliess und die des konstantinopoler Hofes sich zu eigen machte.
In der altserbischen Malerei begegnet man Namen einheimischer und fremder Künstler. Es hat den Anschein, dass die fremden Maler zweimal eine wichtige Rolle in der Entwicklung unserer Kunst gespielt haben, und zwar im späten XII Jahrhundert, bei der Schaffung des ersten Monumentalstils in Serbien, und das zweite Mal zur Zeit der lebhaftesten Bautätigkeit Anfangs des XIV Jahrhunderts. Die Fremden kamen als Träger des Neuen, aber den einheimischen Künstlern gelang es, in dem sie im Anfang die Konzeptionen der Fremden annahmen, originelle Werke zu schaffen : die grosse serbische monumentale Kunst des XIII Jahrhunderts und die feine Malerei der Morava Schule des ausgehenden XIV und des frühen XV Jahrhunderts.
Es war meine Absicht in den Hauptzügen die Forschungsresultate, welche noch im Laufe sind, festzulegen. Vorläufig liegen nur die Hauptkonturen der Persönlichkeiten einiger Meister der altserbischen Kunst klar zutage. Ich hege die Hoffnung, dass diese Forschungen des engeren Gebietes der altserbischen Malerei ein nützlicher Beitrag zur allgemeinen Geschichte der byzantinischen Kunst sein werden.


Athens, 1954

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