DER KANON DER MIT DEM TODE RINGENDEN IN DER MALEREI DES 14.

von Svetozar Radojčić

Die schon lange bekannten Fresken im südwestlichen Teil der offenstehenden Galerie in der Kirche der hl. Sofia zu Ochrid wurden bis jetzt gewöhnlich unbestimmt als Illustrationen des Todes der gerechten und der ungerechten Mönche gedeutet. Bruchstücke aus demselben Freskenzyklus wurden unlängst in Chilandar in der Kapelle des hl. Georg entdeckt. Auf Grund der Inschriften, die auf den Fresken erhalten sind, war es möglich genau festzustellen, daß beide der bis dahin unidentifizicrten Zyklusse Illustrationen zum Kanon der mit dem Tode ringenden (ὁ κανὼν εἰς ψυχορραγοῦντας) darstellen; der Text des Kanons wird allgemein als ein Werk des hl. Andreas von Kreta betrachtet; man hebt aber auch die Möglichkeit hervor, dass das Poem, wenigstens teilweise, durch die Werke des hl. Johannes von Damaskus inspiriert sein könnte.
Beide Zyklusse, der von Hilandar und der von Ocbrid, sind Miniaturen nachgebildet. Obwohl die Kanonfresken vom Berge Athos ebenso wie die aus Ochrid dem 14. Jh. entstammen, besteht doch zwischen ihnen ein bedeutender ikonographischer Unterschied. Der Zyklus vom Berge Athos ist offensichtlich weit älteren Miniaturen nachgebildet, die, nach gewissen Einzelheiten zu schließen, an die Malerei vom Ende des 10. und Anfang des 11. Jh. erinnern. Bedeutend naiver und ihrer Zeit näher ist die Komposition der sehr eintönigen Fresken in der Kirche der hl. Sofia, mit sich oft wiederholenden, fast gleichen Szenen und Bewegungen.
Dank dieser neuen Entdeckung hat sich die Zahl der durch die kirchliche Poesie inspirierten Fresken-Zyklusse vergrößert. Der überwiegende Teil der Illustrationen zu den Versen aus dem 14. Jh. und aus der jüngeren Zeit — besonders die Hymne Akathistos—kehrt auch später in der Wandmalerei häufig wieder, während der Kanon der mit dem Tode ringenden offensichtlich auf keinen größeren Anklang stieß. Die bekannte spätrussische Ikone zu diesem Thema stellt in der russischen Malerei des 17. Jh. etwas so neues dar, daß Kondakov die Anschauung vertrat, daß sie in der Zeit des endgültigen Verfalles der Ikonenmalerei entstanden sei.
Die künstlerisch ziemlich mittelmäßigen Fresken der pessimistischen und trüben Dichtung von den Leiden der Sterbenden und von der Nichtigkeit des menschlichen Körpers sind besonders deswegen interessant, weil sie auf neue, unbemerkte Ähnlichkeiten zwischen der byzantinischer und budhistischen Poesie hinweisen. Die ungewöhnlichste Freske des Kanon, die Darstellung des unbegrabenen Leichnams, den die Hunde fressen, erinnert sehr an die Verse aus der budhistischen Dichtung: „Von den neun Zuständen des Körpers nach dem Tode", in der im sechsten Gesang, ähnlich dem sechsten Lied des Kanons, die Szene mit dem Leichnam und den Hunden besungen wird.
Die Ähnlichkeiten mit budhistischen Auffassungen erklären vielleicht, weshalb der Zyklus dieses Kanons so selten dargestellt wurde; er war — im Grunde genommen — den durchschnittlichen Auffassungen des mittelalterlichen orthodoxen Christentums, das den Grabkult ebenso pflegte wie das Gedächtnis an die Verstorbenen und deren sterblichen Überreste, fremd.




„ЧИН БИВАЈЕМИ НА РАЗЛУЧЕНИЈЕ ДУШИ ОД ТЕЛА" У МОНУМЕНТАЛНОМ СЛИКАРСТВУ XIV ВЕКА

In: Зборник радова Византолошког института. 7 (1961) 39-52 : илустр.

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