Die Quellen zu Vramec' Chronik (1578)

von Nikola Radojčić



Auszug aus der im »Rad JAZU , Bd. 235, S. 26—49 veröffentlichten Abhandlung.


Vjekoslav (Alois) Klaić hat in der Einleitung zu seiner Neuausgabe der Chronik des Anton Vramec erschöpfend über das Leben und das Werk djeses kroatischen,-Schriftstellers gehandelt, doch war es ihm nicht gelungen, auch seine. Quellen aufzudecken. Und doch ist es ungemein wichtig, diese festzustellen, einerseits um das Werk selbst verstehen zu können, anderseits mit Rücksicht auf die Frage nach den konfessionellen Sympathien Vramec', der zwar, wenn auch verheiratet, römischkatholischer Priester war, dem man aber anderseits vorwarf, daß er dem Protestantismus zuneige. Daher hat auch die Gegenreformation seine Chronik so gründlich vernichtet, daß sich im ganzen nur zwei Exemplare erhalten haben. Nach der Art wie Vramec fremde Quellen in seine Chronik übertragen hat, läßt sich am besten erhärten, ob die Tendenz seines Werkes katholisch oder antikatholisch ist, und ob er selbst ein aufrichtiger Katholik war oder dem Protestantismus zuneigte, dessen Literatur sein Werk der Sprache nach auch am natürlichsten zuzuweisen ist.
Vramec' Chronik ist kein umfangreiches Werk. Die Nachrichten zu den einzelnen Jahren sind äußerst kurz gehalten. Dies erschwert natürlich sehr stark die Feststellung der Quellen, denn die Zahl der Weltchroniken mit etwas ausführlicher eingeflochtenen nationalen Geschichten ist ungeheuer groß. Anderseits bringt Vramec in seiner Chronik sehr wenig charakteristische Einzelheiten, die es erleichtern würden, seine Quellen aufzuspüren. Er selbst erwähnt nur selten irgendwelche Quellen, und wenn es geschieht, so führt er nur alte Autoren an, deren Namen zweifellos aus jenen Werken stammen, die er für seine Chronik benützt hat. Von Autoren, die seiner Zeit näher sind, erwähnt Vramec nur den bekannten Verfasser der Papstbiographien, B. Piatina, zu den Jahren 1041 und 1479; an anderer Stelle wird sein Leben erwähnt. Sonstige Quellen werden nicht angeführt..
Man könnte die Quellen zu Vramec' Chronik eventuell auch nach dem chronologischen System feststellen, das nicht in allen Weltchroniken gleich war; Vramec ist jedoch eklektisch vorgegangen, so daß es auch auf diese Weise keineswegs leicht ist, seine Quellen zu finden. Überhaupt hatten sich die Weltchroniken zu seiner Zeit im Westen bereits überlebt. Die wissenschaftlich bearbeitete nationale Geschichte hatte nach und nach die Gunst des gebildeten Publikums errungen, während Weltchroniken fortan nur für weitere Kreise einfacher Leser oder für Schulzwecke abgefaßt wurden. Auch Vramec stellte seiner Chronik in der Einleitung eine sehr bescheidene Aufgabe, da er wohl wußte, daß seine Volksgenossen infolge der ewigen Kämpfe mit den Türken kulturell so stark zurückgeblieben waren, daß den meisten nur eine kurze und einfach geschriebene Weltchronik nützlich und verständlich sein konnte. Derartige Chroniken hatte man in Westeuropa viel früher verfaßt; die letzten guten erschienen im XV. und zu Beginn des XVI. Jahrhunderts.
Auf diese hatte auch ich zunächst meine Aufmerksamkeit gelenkt, vor allem auf die bekanntesten. Hier ist in erster Reihe Werner Rolewinck (1425—1502) zu nennen, dessen Chronik „Fasciculus temporum ..." (1485 und danach öfter aufgelegt) außerordentlichen Erfolg hatte. Vramec hat ihn für seine Chronik nicht viel verwertet. Seine Art, außer den wichtigsten Ereignissen auch die bedeutendsten Persönlichkeiten zu verzeichnen, die zu jener Zeit lebten, führte mich zu einem der bedeutendsten Chronikenschreiber, der ähnlich vorging: Jacobo Philippo Foresti (1434—1520), dessen „Supplemental chronicorum" das bedeutendste derartige Werk ist, und das seit 1483 unzählige Male abgedruckt und übersetzt wurde. Ihn hat Hartmann Schedel (1440—1514) in seiner gewaltigen deutschen Weltchronik, die erstmals 1494 erschien, kopiert und übersetzt. Zweifellos hat Vramec beide Historiker in seiner Chronik benützt. Eine ganze Reihe von Berichten ist von ihnen übernommen worden, was man am besten an den verunglückten Konglomeraten von Nachrichten zu einzelnen Jahren ersehen kann, die bei Vramec dieselben sind wie bei Foresti und Schedel. Weiterhin habe ich Vramec' Werk mit der bekannten Kosmographie des Sebastian Münster (1489—1552) verglichen, jedoch nur wenig Ähnlichkeiten (meistens aus der türkischen Geschichte) gefunden. Etwas mehr Ähnlichkeiten fand ich zwischen unserer Chronik und der Chronologie der J. Funck-Funccius (1514—1566). Die bekannten Verfasser der Weltchroniken Nauclerus und Franck hat Vramec gar nicht eingesehen. Seine Hauptquelle für die Ereignisse aus der allgemeinen Geschichte waren Foresti und Schedel, wie in meiner Abhandlung des näheren ausgeführt wird.
Für die Kirchengeschichte hat Vramec am meisten aus Piatina (1421—1481) geschöpft, und zwar mit Absicht. Er war nämlich der Meinung, daß Piatina der offizielle Geschichtsschreiber der Päpste sei, und daher wollte er sich bei Nachrichten, die für die Päpste ungünstig waren, mit dessen Autorität decken.
Er wußte nicht, daß Piatina in seinem Streben nach Vollkommenheit und Objektivität sehr scharf kritisiert und daher zeitweise sogar auf den Index gesetzt worden war. Vielleicht war es ihm gar nicht bekannt, daß sich protestantische Autoren wegen einzelner Nachrichten über einige Päpste gern Piatinas bedienten. Aber aus denselben Gründen war auch unserem Chronisten Piatina sehr willkommen. Man sieht das ganz deutlich an der Art, wie er ihn für seine Chronik benützte. Um die Päpste in möglichst schlechtem Licht darzustellen, schöpfte er den Piatina ganz willkürlich aus. Dafür konnte ich eine ganze Reihe von Beispielen anführen. Der schwerwiegendste Fall ist der mit Papst Johann VIII., angeführt zum Jahr 858. Hier wiederholt er das bekannte Märchen, daß Papst Johann VIII. ein Weib gewesen sei, das geboren hat. Er fand diese Nachricht zwar auch bei Foresti und Schedel, aber bei ihnen ist sie in ganz anderem Ton erzählt. Auch Platina ist sehr vorsichtig und erklärt ausdrücklich, daß er die Erzählung nur nach „incertis... et obscuris auctoribus" anführe und zwar: „ne obstinate nimium et pertinaciter omisisse videar". Vratrec läßt dies allesaus und bringt nur die nackte Erzählung, offenbar mit der Absicht, die Päpste möglichst anzuschwärzen.
Bezüglich jener Nachrichten in Vramec' Chronik, die sich auf die nationale und staatliche Geschichte der Kroaten beziehen, war man bisher der Meinung, daß sie durchaus originelle Beiträge des Verfassers wären. Ich konnte jedoch feststellen, daß diese Meinung irrig ist. Vramec hat sie vielmehr aus einer Chronologie übernommen, die Abrahamus Baksai-Bakschay, ein Magyare aus Schemnitz, der in polnischen Diensten stand, im Jahre 1567 herausgegeben hat. Das kleine Werkchen wurde meist zusammen mit den bekannten Dekaden der Ant. Bonfinius abgedruckt. Hier hat es auch Vramec gefunden und als Gerippe für seine staatliche und natonde Geschichte in der Chronik benützt. Im Anhang zu Bonfinius fand er auch des Stefan Broderić rührende Beschreibung der Schlacht bei Mohâcs, von der er jedoch nur einen kleinen Teil in sein Werk übernahm. Im übrigen hielt er sich bezüglich der heimatlichen Geschichte an Bakschay, den er fast zur Gänze in der Chronik übersetzte.
Die Quellen zu Vramec' Chronik sind nunmehr aufgedeckt. Für die Ereignisse aus der Weltgeschichte benützte er am meisten Foresti und Schedel. Und da die beiden ihre Volksgenossen, der eine die Italiener und der andere die Deutschen, lobten und herausstrichen, erhob auch Vramec die Slaven in den Himmel, wobei er sich selbstverständlich von patriotischen Tendenzen leiten ließ. Dabei brauchte er seine Quellen gar nicht erst zu ändern. Es war nur notwendig, die jeweiligen den Italienern und Deutschen geltenden Lobeshymnen auf die Slaven zu übertragen. Anders mußte er mit Platinas Nachrichten aus der Kirchengeschichte vorgehen. Da es seine Absicht war, die Päpste in möglichst schlechtem Licht darzustellen, mußte er Piatinas Tendenz ändern und mancherlei aus ihm verschweigen oder in anderem Licht darbringen. Vramec' Sympathien — und darüber kann kein Zweifel bestehen — waren auf Seiten der Protestanten, die gegen die Päpste mit denselben Waffen kämpften wie er selbst. Bei seiner Hauptquelle für die heimische Geschichte, Bakschay, brauchte er die Tendenz nicht zu ändern, da dieser den Kroaten sehr gut gesinnt war.
Vramec' Chronik ist ein sehr wichtiges, wenn auch nicht ganz selbständiges Werk. Mit ihm wollte er, gleichwie seine Genossen im Westen, die ähnliche Werke verfaßten, sein Volk aufklären und ihm nationalen Stolz einflößen. Aber erst durch die Chronik Paul Ritter-Vitezović' (1696) ist dieses Ziel erreicht worden. Ritter hat nämlich fast die ganze Chronik Vramec' in sein Werk übernommen, während Vramec' Werk selbst von der Gegenreformation so gut wie ganz vertilgt worden ist. Die Führer der Gegenreformation hatten Vramec' Absicht, die er zu verbergen trachtete, klar durchschaut. Diese Absicht schien ihm selbst der Hauptzweck der Chronik zu sein, während ihr Hauptverdienst doch darin liegt, daß in ihr die kroatische nationale Geschichte das erstemal in Anlehnung an die allgemeine Geschichte dargelegt und dem Volk in einer ihm verständlichen Sprache und einer leicht lesbaren Schrift dargestellt worden ist.



In: Bulletin international de l’Académie Yougoslave des sciences et des beaux-arts de Zagreb ; classes : d' histoire et de philologie ; de philosophie et de droit; des beaux-arts et belles lettres. — Livre ?. (1931??) 90-94.

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