Die greichischen Quellen zur Schlacht am Kosovo Polje

von Nikola Radojčić


Die griechischen Quellen zur Schlacht am Kosovo Polje sind in mancherlei Hinsicht interessant, ihre grösste Bedeutung liegt jedoch darin, dass die wichtigsten Nachrichten über diese Schlacht gerade durch sie erst in die Geschichtsschreibung der grossen europäischen Volker eindrangen. Jahrhundertelang hat die Geschichtschreibung die Schlacht am Amselfelde meistens aus den griechischen Quellen gekannt und nur durch diese, deren Bedeutung für die Weltgeschichte erfasst, denn die serbischen Quellen waren der Sprache wegen, in der sie geschrieben waren, den nichtslavischen Völkern unzugänglich. Seitdem im Zeitalter der Renaissance die griechischen Autoren wichtige Quellen für alle Historiker wurden, die sich mit der Vergangenheit Europas, besonders des südöstlichen, befassten, drangen auch zahlreiche Nachrichten über die Serben in die zeitgenössische Historiographie ein. Auf diese Weise erwachte das Interesse für die Serben, besonders aber für die Schlacht am Kosovo Polje, das wichtigste Ereignis in der serbischen Geschichte, das zweifellos auch auf das Schicksal eines grossen Teils Europas bedeutenden Binfluss hatte. Die griechischen Autoren, soweit sie etwas ausführlicher darüber berichten, sind nicht Zeitgenossen des Ereignisses, sondern schrieben fast ein Jahrhundert nach der grossen Schlacht, jedoch ohne Zweifel nach verlässlicher Tradition und auf Grund guter Quellen.
Die früheren griechischen Historiker waren keine guten und verlässlichen Quellen für die Kenntnis der Serben, über die sie übrigens sehr viele Nachrichten bringen. Mit Ausnahme der ersten griechischen Hauptquelle für die serbische Vergangenheit, Konstantin Porphyrogenetos, schrieben alle griechischen Historiker über die Serben nur abfällig, und zwar umso ärger, je rascher und je mehr sich Serbien zum Schaden Byzanz' ausbreitete; am abfälligsten schrieb über die Serben wohl Georgios Pachymeres. Der scharfe und abfällige Ton in den Berichten über die Serben hatte sich in der byzantinischen Geschichtsschreibung so eingebürgert, dass Theodoros Metochites auch dann, nicht wenigstens ohne Hohn über die Serben schreiben konnte, als dies sicherlich nicht seine Absicht war, nämlich in seinem bekannten Gesandtenbericht (Πρεσβευτικός).
Die herkömmliche griechische Schreibweise über die Karbaren, besonders über die feindlichen Serben, war stärker, als sein guter Wille. Seine erwähnte Schrift bildet aber doch einen leisen Übergang von jener griechischen Geschichtsschreibung, die den Serben feindlich gesinnt war, zu der, die über die Serben als über einen befreundeten Nachbar und eine vom gleichen Schicksal getroffene christliche Nation berichtet und die sich in das serbische Denken und Fühlen so sehr einlebte, dass sie wenigstens in den gemeinsamen Schicksalsfragen auch gemeinsam dachte. Das erste dieser grosseu Ereignisse war die Schlacht am Kosovo Polje. Ihretwegen hatte die griechische Geschichtsschreibung den Ton ihrer Schreibweise über die Serben vollständig geändert.
Nach dem Tode des Zaren Stefan Dušan (1355) schwand für Byzanz rasch jede Gefahr von Seiten Serbiens, aber der Hass gegen dieses verflüchtigte sich doch viel langsamer als die Ursache desselben. Auch die griechischen Autoren, die Nachrichten über die Schlacht am Kosovo Polje bringen, sind noch nicht einer und derselben Meinung über die Serben. Die kürzeste Nachricht über die Schlacht am Kosovo Polje findet sich bei Georgios Phrantzes (Ed. Bonn, 1838, 79-81).
Sie ist nicht nur kurz und unklar, sondern auch den Türken gestimmt, wenigstens insoweit, als in ihr, ganz im türkischen Sinne behauptet wird, dass Murad erst nach seinem Siege über die Serben und zwar auf hinterhältige Weise getötet wurde. Auch der Mörder ist genau angegeben, nämlich Fürst Lazar selbst, der hier auch noch irrtümlich. «Despot» genannt wird. Mehr wusste über die Schlacht am Kosovo Polje Dukas (Ed. Bonn 1834, 14-8 u. 352-6). Bei ihm ist der Umschwung in der Schreibweise der Griechen über die Serben vollständig. Schmerzerfüllt wendet sich Dukas von der Schilderung der Not Byzanz' zu der Serbiens und beginnt seine Darstellung der Schlacht am Kosovo Polje damit, dass er erklärt, dass Murad sich erst dann über die Serben stürtzte, nachdem er fast ganz Byzanz erobert hatte. Murad ist ihm ein «Tyrann»; das ist hier nicht nur eine einfache Bezeichnung, sondern ein Werturteil. In seinen Erörterungen über die Anfänge des grossen serbisch-türkischen Konflikts bemerkt Dukas weiter, dass sich damals ein «καινὸν καὶ ὑπὲρ λόγον τεχνούργημα» (15) ereignet habe. Und nach diesen wirklich feierlichen Worten schildert er mit grösstem Stolz die heldenhafte und aufopferungsvolle Tat Milos', der dies im Namen der ganzen Christenheit gewagt hatte. Während ihm nun dieser der grössten Bewunderung würdig ist, ist ihm Murad nur ein «Tyrann» und dessen Sohn Bajezid eine wahre Ausgeburt der Menschheit. Dukas' Schilderung der Schlacht am Kosovo Polje machten sich die Serbokroaten ganz zu eigen. Der unbekannte Serbokroate, der Dukas im XVI. Jahrhundert in den venezianisch-italienischen Dialekt übertrug, fügte seiner Übersetzung dort, wo von der Schlacht am Kosovo Polje die Rede ist, eine grosse eigene Interpolation an, die hauptsächlich auf der nationalen Tradition beruht. Es ist sehr interessant, dass der Geist der Darstellung bei Dukas so sehr dem serbischen Empfinden angepasst ist. dass nicht nur fremde Historiker, wie z. B. J. v. Hammer-Purgstall, sondern auch serbische, wie u. a. Stojan Novaković, meinten, dass die ganze Stelle über die Schlacht am Kosovo Polje, die sich in der italienischen Übersetzung findet, von Dukas selbst stammt, obwohl doch nur ein kleiner Teil wirklich von ihm ist. Ich glaube es bedarf keines stärkeren Beweises um zu sehen, wie sehr sich die griechischen Historiker in die serbische Auffassung, aïs eine vor allem christlichen, eingelebt haben, und wie sehr sie sich gegenüber den früheren griechischen Historikern mit ihren abfälligen und höhnischen Nachrichten über die Serben geändert haben. Am ausführlichsten von allen griechischen Autoren berichtet über die Schlacht am Kosovo Polje Laonikos Chalkondyles (Ed. Bonn, 1843, 53-7) beziehungsweise genauer gesagt, der Abschnitt über die Schlacht ist bei ihm der längste, obgleich er über deren Verlauf selbst nichts spricht, da ihn der Zusammenstoss der Massen nicht interessiert, sondern nur der grosse christlich-türkische Konflikt um Zeit und Art von Murads Tod. Daher erwähnt er nur, wie Murad mit seinen Söhnen zum Zuge gegen die Serben aufbrach, um dann sogleich mit offensichtlicher Ungeduld zur Erörterung über Zeit und Todesart Murads überzugehen, wie diese die Türken und wie die Griechen darstellen. An Stelle «die Griechen» konnte hier gerade so gut auch «die Serben» stehen, denn dies ist ursprünglich die serbische Auffassung, welche sich dann die Griechen vollkommen angeeignet haben.
Die Türken haben Murad hoch verehrt, besonders nach ihrer Niederlage bei Angora, von der sie meinten, dass ihr Murad leicht hätte entgehen können. Die Christen wieder hassten Murad aus dem Grunde ihrer Seele, da er der erste grosse türkische Eroberer in Europa war. Aus diesen manigfaltigeu Beziehungen entstanden auch entgegengesetzte Behauptungen über den Tod Murads, der einen ausserordentlich tiefen Eindruck auf die gesamte damalige christliche Welt ausübte. Die Christen behaupteten, dass sich Milos, ein Vojvode Fürst Lazars, in Selbstaufopferung entschloss, die gesamte Christenheit von ihrem grossen Feinde zu befreien, und dass er daher auch vor Beginn der Schlacht selbst oder am Anfang derselben in heldenmütiger Weise Sultan Murad erstochen habe.

Die Türken behaupten das Gegenteil. Nach ihrer Versicherung wäre der Sieger vom Kosovo Polje nicht der bei Angora geschlagene Bajezid gewesen, sondern Murad selber. Daher erzählten sie auch, dass Milos den Sultan, in hinterlistiger Weise und erst nach dem herrlich errungenen Siege ermordet habe. Laonikos Chalkondyles beginnt seine Erörterung mit dieser christlich-türkischen Streitfrage, in der er natürlich ein beredter Anwalt der serbischen Auffassung ist. Milos nennt er: «ἄνδρα γενναιότατον» (54) und dessen Tat: «ἀγῶνα κάλλιστον δὴ τῶν πώποτε γενομένων» (54). Mehr und schöneres konnte kein Serbe sagen und hat es auch nicht getan. Wie sehr es diesem grossen griechischen Historiker darum zu tun war, dass die serbische Version bezüglich Murads Tod durchdränge, sieht man am besten daraus, dass er in seiner Darstellung der Schlacht am Kosovo Polje die christliche Version über Murads Tod wiederholt. Er bringt sie also tatsächlich zweimal, um ja seine Leser von deren Richtigkeit zu überzeugen. An der zweiten Stelle sucht er noch schönere und stärkere Ausdrücke für Milos' Wagnis, das er hier «ὁρμὴν πασῶν δὴ καλλίστην ὧν ἡμεῖς ἴσμεν» nennt (54). Diese seine Auffassung übernahm dann auch ein grosser Teil der Geschichtsschreiber, die gleichfalls von Hochachtung gegenüber Milos und dessen tapferer Tat erfüllt wurden.
Die übrigen griechischen Nachrichten über die Schlacht am Kosovo Polje sind recht kurz und oberflächlich, wie es eben allmählich die ganze griechische Geschichtsschreibung unter dem schweren Druck der türkischen Knechtschaft wurde. Ihr letzter grosser Vertreter ist Laonikos Chalkondyles, in dem sich auch der grosse Umschwung im Verhalten der griechischen Historiker gegenüber den Serben am besten widerspiegelt. Die früheren Gegner wurden zu Leidensgefährten und so sehr hatten sich die einen den anderen genähert, dass bezüglich der Türken die Ausdrücke «griechisch» und serbisch» synonym wurden. Weiterkonnte eine Annäherung tatsächlich nicht mehr gehen. Das Erhebende dieses Umschwungs, (denn jeder Sieg über lang gehegten Hass hat etwas Erhebendes in sich) wurde durch den tiefen Schmerz getrübt, dass die Aussöhnung zu spät kam. Und auch jetzt war sie nicht vollständig. Ich will es nämlich nicht verschweigen, dass, während der überwiegende Teil der Griechen gleich vom Beginn der Kämpfe mît den Türken für ein Bündnis mit den benachbarten und den gleichen Glauben bekennenden Bulgaren, Serben und Russen war, ein ganz unbedeutender Teil derselben jeden Gedanken an ein derartiges Bündnis von sich wies, und im Westen Hilfe suchte. Der feurigste Vertreter dieser Auffassung war Demetrios Kydones. Der gemeinsame Hass gegenüber den Türken und das Misstrauen gegenüber dem Westen, der die den Griechen verhasste kirchliche Union aufzudrängen trachtete, vereinsamten jedoch Demetrios Kydones und dessen Gesinnungsgenossen vollständig. Die Griechen wandten sich ihren benachbarten Glaubensgenossen zu und die Schlacht am Amselfelde war das erste grosse Ereignis, von dem die griechischen Historiker mit demselben Schmerz, aber auch mit demselben Stolz berichteten, wie die serbischen. Die gemeinsame Gefahr von Seite der Türken hatte Griechen und Serben so sehr einander angenähert, dass die griechischen Historiker vom gemeinsamen Schicksal als vom «-unseren» schrieben. Über dem früheren Streit und Hass erhob sich das Gefühl für die christliche Solidarität, das sich zum erstenmal in den griechischen Darstellungen der Schlacht am Kosovo Polje spiegelt, auf die ich Ihre geneigte Aufmerksamkeit zu lenken versucht habe.




In: Actes du IIIe Congrès International des Études Byzantines. Athènes, 1932. pp 315-319.

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