Die wichtigsten Darstellungen der Geschichte Bosniens

von Nikola Radojčić

1.

Die osmanische Provinz Bosnien, Jahrhunderte unzugänglich und vernachlässigt, rückte gleich zu Beginn des 19. Jhs. in den Blickpunkt der Großmächte. Zunächst zog Bosnien während der Napoleonischen Kriege die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich, als der Welthandelsweg wegen der englischen Blockade auf dem Festland über Bosnien führte und dieses zeitweilig, vor allem wegen des Durchgangshandels mit Baumwolle, mit Reichtum segnete. Seitdem konnte Europa dieses seltsame Land, den westlichsten Strich des Ostens vor den Toren des Westens, nicht mehr vergessen. Die Widersetzlichkeit des bosnischen mohammedanischen Adels und sein Widerstand gegen alle Versuche sultanischer Reformen, die sultanische barbarische Verfolgung der Christen und die immerwährenden Aufstände bald der einen, bald der anderen, versetzten die Türkei in Verzweiflung und nährten in Europa die Ahnung, daß sich in diesem entfernten Land etwas Schweres und Schicksalhaftes vorbereite. Geleitet von dem untrüglichen Gefühl eines wahren Historikers widmete Leopold von Ranke eine seiner Studien den mißlungenen Versuchen des Sultans Mahmud II. um die Einführung von Reformen in Bosnien (1834). Diese Versuche sind weder damals noch später von Erfolg begleitet gewesen. Bosnien fügte sich nicht in das osmanische Reich. Noch weniger gelang es Österreich-Ungarn nach der Okkupation, Bosnien in das Schicksal der habsburgischen Erbländer einzufügen. Je länger Österreich das okkupierte Gebiet verwaltete, um so mehr entfremdete es sich dieses, was nach der Annexion i. J. 1908 deutlich fühlbar wurde, als es den Anschein gewann, die bosnische Frage würde den Anlaß zu einem Weltbrand geben. Der lange hinausgezögerte Auf einanderprall widerstrebender Kräfte in der ganzen Welt brach dennoch erst einige Jahre später aus, scheinbar wieder wegen Bosnien, auf das jedoch diesmal nur die Verantwortung für die schicksalsschweren Ereignisse abgeladen wurde, die jeder von sich zu wälzen bestrebt war. Die Bosnier haben den ersten Weltkrieg nicht heraufbeschworen, wohl aber gehört die bosnische Frage zu jenen, unzähligen verwickelten Problemen, die in Wirklichkeit zum ersten Weltkrieg führten.

Es ist falsch, die in ihrer Vielschichtigkeit so schwierige bosnische Frage oberflächlich abzutun. Eine das Problem in allen Punkten richtig erfassende Darstellung erfordert ebenso gründliche Kenntnis und politisches Verstehen wie wissenschaftliche Objektivität und die Berücksichtigung der aus Gefühl und Standort resultierenden Einseitigkeit bisheriger Urteile.

Die Wiedergabe der geopolitischen und historischen, insbesondere der national geschichtlich en Entwicklung Bosniens war bis vor kurzem mangels kritisch ausgewerteter Quellen, unzuverlässig. Österreich-Ungarn hat sich, als Okkupationsmacht sehr darum bemüht, nachzuweisen, geographisch seien die bosnischen Landstriche durch natürliche und feste Klammern, unlöslich mit ihm verbunden; hinsichtlich der bosnischen Vergangenheit galt die Hauptaufmerksamkeit den vor- und frühgeschichtlichen Epochen. Es ist verständlich, warum es so verfuhr, es ist aber ebenso einleuchtend, daß es so nicht zu sein braucht.

Auf breitester Grundlage versuchte Vladimir Ćorović die nationale Vergangenheit Bosniens in seiner „Historija Bosne" zu behandeln, von der jedoch nur der erste Band (1940) erschienen ist. Darin wird die Vergangenheit Bosniens und der Herzegowina bis zu deren Unterjochung durch die Osmanen darstellt. Geplant waren noch zwei weitere Bände, die die kulturelle Entwicklung dieser Länder und ihr Schicksal unter osmanischer und österreichischer Herrschaft darstellen sollten.


Dieses umfängliche Werk berührt viele ungelöste Probleme, so daß es gerechtfertigt erscheint und von großem wissenschaftlichem Nutzen wäre, wenn darüber im einzelnen gehandelt würde, wie z. Β. über Vl. Ćorovićs Konzeption und Komposition der bosnischen Geschichte, über die Methode der Verwendung historischer Quellen, über die staatsrechtliche Lage Bosniens im Mittelalter sowie über den Versuch einer Synthese der mittelalterlichen bosnischen Vergangenheit. Alles das sind Fragen, die bislang nur in unzulänglichem Maße wissenschaftlich erörtert wurden, deren Lösung im Falle Bosnien auch außergewöhnlich schwierig ist. Gewiß, alle diese Fragen werden in dem Buch von Vl. Ćorović berührt, aber um eine richtige Stellung zu dem beim Lösungsversuch Erreichten einnehmen zu können, gilt es vor allem Vl. Ćorovićs Verhältnis zu den vorherigen Werken über die bosnische Geschichte der gleichen Zeit festzulegen.
Dies ist der einzige Weg, der zur Erkenntnis führt: Was ist in diesem Werk über Bosnien neu und gut? In solchem Sinne möchte ich mit meiner Arbeit den Leser sozusagen am Faden der Ariadne durch die wichtigsten im Druck vorliegenden Darstellungen der mittelalterlichen Geschichte Bosniens leiten.

2.

Die begründeten Forderungen, die ich soeben herausstellte, fühlte bereits Johann Christian Engel, als er sich daran begab, eine serbische und bosnische Geschichte zu schreiben, und dabei seine Vorgänger mit gleicher wissenschaftlicher Zielsetzung nannte, und noch mehr Vjekaslav Klaić, der die erste auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende Darstellung der Geschichte Bosniens in seinem Buch „Poviest Bosne do propasti kraljevstva" (1882) verfaßte. Das Werk wurde von I. Bojničić (1885) ins Deutsche übersetzt. Vor V. Klaić behandelte F. Rački in seinen Studien „Pokret na slavenskom jugu koncem XIV i početkom XV stoljeća" (1868), „Bogomili i Patareni" (1869—70) und in „Borba južnih Slovena za državnu neodvisnost u XI vieku" (1673—75) einzelne Teile der bosnischen Entwicklung auf quellenmäßiger Grundlage. V. Klaić hat in der Einleitung zu seinem Buch zunächst die wichtigsten Darstellungen der gesamten Geschichte Bosniens im Mittelalter aneinandergereiht, hernach verwandte er einige Worte über die Quellen, um schließlich die wichtigsten Monographien zur bosnischen Geschichte zu erwähnen, gleichsam als ließe er sich von der vornehmen Regel leiten: „Ingenui est afferre per quos profeceris." Alles was Klaić hier niederlegt, beruht zweifellos auf selbständigem Studium und kündet von einem guten Willen, ist überzeugend und übersichtlich. Mehr Vollständigkeit hätte natürlich nicht geschadet. Seine Darstellung der bosnischen Vergangenheit begännt V. Klaić vernünftigermaßen mit einer geographischen Übersicht, in der jedoch die historischen Elemente gegenüber den geographischen überwiegen. Auf Grund der Erfordernisse der modernen Geschichtswissenschaft laßt sich gegenwärtig eine gute und übersichtliche Beschreibung der Entwicklung eines Landes ohne fundamentale Darstellung der geographischen Gegebenheiten gar nicht mehr denken. Jeder ernstzunehmende Geschichtswissenschaftler wird gerade die konstanten geographischen Gegebenheiten zu den wesentlichsten Faktoren rechnen, die die historische Entwicklung eines Landes mitbedingen und daher vornehmlich bei einer Darstellung zu berücksichtigen sind.
Als V. Klaić sein ausgezeichnetes Buch schrieb, war dieses Wissen um die enge Verknüpfung geschichtlicher und geographischer Gegebenheiten noch nicht so geläufig; um so mehr gilt es das zu schätzen, was er bot.

Vl. Ćorović hat in der Einleitung zu seiner „Historija Bosne" eine kurze und unvollständige geographische Übersicht geboten, wobei er vordergründig die geschichtliche Entwicklung der bosnischen Staatsgrenzen im Auge hatte. Dabei stützte er sich bezüglich der Geographie insbesondere auf meinen Grazer Lehrer Eduard Richter, der die erste, wirklich wissenschaftliche Skizze zur Geographie Bosniens gegeben hatte. Mehr hat E. Richter nie beabsichtigt. Wenn dieser bedeutsame Torso schon genannt wird, sollte er nicht, wie geschehen, nach der mißlungenen Übersetzung zitiert werden Vgl., sondern nach dem Original, wofür E. Richter wenigstens im gewissen Sinne die Verantwortung trug Cfr. . Heutzutage ist es möglich, eine viel bessere geographische Übersicht über Bosnien zu geben, und auf Grund dieser eine objektive, wissenschaftliche Darstellung seiner geopolitischen Lage zu bieten. Ebenso ist es möglich und notwendig, eine anthropologische Übersicht über die Bevölkerung Bosniens zu schreiben. Die wissenschaftlichen anthropologischen Untersuchungen bei uns setzten gerade auf der Grundlage der Erforschung junger Bosnier ein, und über Bosnien vermerkten schon die alten Ragusaner „Bosniae regnum auri argentique fodinis at militum robore florentissimum". Diese körperliche Schönheit und soldatische Tapferkeit der Bosnier war auch in Mittel- und Nordeuropa seit dem 18. Jh. in Militärkreisen bekannt, da es von Dänemark und Holland bis nach Sachsen und Polen Bosnier im militärischen Dienste gab. Den Lesern der Geschichte Bosniens gilt es dies vor Augen zu führen und ins Gedächtnis zu rufen.

Eine Übersicht über die bosnischen Geschichtsquellen, wie sie V. Klaić skizzierte, fehlt bei Vl. Ćorović gänzlich, was natürlich in Anbetracht eines so umfangreichen Werkes ein Mangel ist. Er nennt zwar E. Fermendžin, aber ungenau, und des weiteren fehlen auch die bedeutsamen geschichtlichen Monographien, ausgenommen die Arbeiten L. Thallóczys. Bezüglich der anderen Literatur machte Vl. Ćorović seine Leser nur mit einigen Werken bekannt, die in der Regel die mittelalterliche Geschichte Bosniens als Ganzes darstellen. Nebenbei nur tut er der bosnischen und in Bosnien erhaltenen Chroniken sowie des einstigen Zentrums für das Studium der bosnischen Vergangenheit, des Glasnik Zemaljskog muzeja, Erwähnung.

Da die Übersicht über die bisherigen Darstellungen der Geschichte Bosniens vollkommen unzulänglich ist, will ich, wie schon gesagt, hier eine möglichst kurze, wissenschaftlich verwertbare Übersicht dieser Darstellungen bieten und deren Verhältnis zueinander skizzieren, vor allem im Hinblick auf die Benützung und Auswertung der Quellen. Insofern der Raum es mir gestattet, will ich auch die Konzeption dieser Arbeiten zur Geschichte. Bosniens aufzeigen, da Inhalt wie Ausführung davon abhängen, ob die bosnische Vergangenheit als Zweig der Geschichte der Südslawen, als bedeutsames Teilgebiet der serbischen, oder nur als dürftiges Anhängsel zur ungarischen Geschichte begriffen wird.

3.

V. Klaić tat recht daran, seine Darstellung der Geschichte Bosniens mit dem berühmten Werk des meledanischen Abtes Mauro Οrbini „Il regno degli Slavi" (1601) einzuleiten. Dieses Werk ist glänzend als eine kurze, allgemeine slawische Geschichte konzipiert, auf der die Geschichte der Südslawen beruht. Der Geschichte von Bosnien und Hum, der späteren Herzegowina, maß er viel Raum zu (S. 343— 393), wodurch er die Bedeutsamkeit der Vergangenheit dieser Länder sowie die Größe seines Interesses für sie herausstellen wollte. Demnach ist also die erste große geschichtliche Darstellung Bosniens als ein Teilgebiet der slawischen und südslawischen Geschichte schlechthin gedacht. M. Orbini sammelte aus der damaligen geschichtswissenschaftlichen Literatur alle Nachrichten über Bosnien, die ihm zugänglich waren, mit viel Liebe, leider jedoch mit wenig Geschick, und formte sie zu einem einheitlichen Gebilde mit dem Material, das er in den ragusanischen Archiven vorfand oder von seinen Zeitgenossen in Erfahrung brachte.
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Il regno degli Slavi" (1601)

Deshalb gehört sein Werk zu den bedeutenden Quellenwerken zur Geschichte Bosniens und zur wichtigen Literatur über diese. Vl. Ćorović nennt ihn nicht als seinen Vorgänger, obschon er seine Darstellung der bosnischen Geschichte nicht umgehen konnte („Historija Bosne" S. 13). Ebenso blieb auch Peter Luccari mit seinem Werk „Copioso ristretto degii annali di Ravsa" (1605) unerwähnt. Hierbei handelt es sich aber nicht nur um ragusanische Annalen sondern wiederum, wie auch bei M. Orbini, um eine Geschichte aller Slawen, insbesondere der Südslawen, wenn auch mit einer ungelenken Komposition. Indes sollte aber die ungefeilte Darstellung den Historiker nicht von diesem Werke fernhalten, das zudem oft voller kühner Fantasien und schleierhafter Legenden ist, da es trotzdem echte historische Körnchen in sich birgt, die zu übersehen mir gefährlich dünkt. In diesem Werk finden sich Stellen, die die Geschichte Bosniens betreffen, über alle Seiten hinweg verstreut. Es wäre nützlich, all das in einer Abhandlung zu vereinen und sorgfältig zu prüfen. In einem Überblick über die bosnischen Geschichtsdarstellungen darf das Werk nicht ungenannt bleiben.

Ebenso wie diese beiden Werke sowohl Quellen als auch Schrifttum für eine Geschichte Bosniens enthalten, ist dies auch — wenn auch in geringerem Ausmaß — der Fall bei den Schriften von Joannes Lucius „De regno Dalmatiae et Croatiae libri sex" (1666) und „Memorie istoriche di Tragurio ora detto Trau" (1673). Ihnen ist die Darstellung der bosnischen Geschichte ein zwar untergeordnetes, jedoch gewissenhaftes Anliegen, was auch V. Klaić vorzüglich vermerkte. Bedeutsamer als die Beschreibung der bosnischen Vergangenheit sind die Quellen, aus denen Lucius schöpfte, vor allem jene, welche nur bei ihm verzeichnet sind. V. Klaić verfuhr daher zu recht, als er Lucius unter die bosnischen Geschichtsschreiber einreihte, und zwar unter diejenigen, die auch dem kritischen Historiker von heute Vorbild sein können.

Bei V. Klaić erscheint an dieser Stelle der Aufzählung der Historiographen Bosniens die zeitliche Reihenfolge durcheinandergeraten zu sein. Nach J. Lucius müßte nämlich der Begründer der modernen Byzantinologie Ch. Du Cange folgen, der in Gestalt einer Reihe von Biographien bosnischer Herrscher eine bosnische Geschichte geschrieben hat, die jeder Achtung wert ist. Vl. Ćorović führt sie leider auch nicht an.
Das Werk von. Du Cange „Historia Byzantina duplici commentario illustrata" (das Exemplar des Historischen Seminars in Laibach ist datiert vom J. 1682, jedoch gibt es auch Exemplare mit einer anderen Jahreszahl), ist indes ein Werk von großem wissenschaftlichen Wert und zu einem guten Teile bis zum heutigen Tage unersetzbar. In ihm wird die Geschichte der bosnischen Herrscher (S. 326—333), der Vojvoden von S. Sabba (S. 340—342) und die Geschichte der Fürsten von Hum (S. 343) abgehandelt. Das ist alles, was darin zur bosnischen Geschichte enthalten ist. Ich zögere nicht zu sagen, daß es ein echtes Wunder ist, daß es Du Cange zu jener Zeit inmitten von Frankreich gelang, eine derart objektive Übersicht über die bosnische Vergangenheit zu geben. Auch das ist ein Zeugnis seiner wissenschaftlichen Genialität. Seine hauptsächlichen Quellen waren natürlich Orbini und Luccari. Daneben sammelte er alles, was er über die Vergangenheit Bosniens bei einzelnen Autoren und besonders in den Urkundensammlungen finden konnte. Vor ihm mühten sich die gelehrten Altertumsforscher, wenn es um Bosnien ging, am meisten um dessen Namen und die Herkunft seiner Bewohner ab, vor allem um die Frage, ob die Bosnier Nachkommen der Bessen sind. Du Cange hat dieses Kopfzerbrechen in großzügiger Weise den Geographen überlassen! Am stärksten beschäftigte ihn die Frage, auf welche Weise der letzte bosnische König ums Leben gekommen sei, und dabei stützt er sich auf interessante Urkunden, überhaupt hat sich die ältere bosnische Geschichtsschreibung, möglicherweise unter dem Einfluß von Du Cange, viel mit dieser Frage befaßt. In dem bekannten Buch von Vladimirović „De regno Bosniae eiusque interitu narratio historica" (1781) ist das Schwergewicht der ganzen bosnischen Geschichte auf dieses traurige Ende verlagert. Eine solche Auffassung wirkt zum Teil noch bei V. Klaić (S. 389) nach; die ragusanischen Nachrichten über das J. 1463. sind nicht zu übersehen. Vl. Ćorović dagegen hat diese schmerzliche Frage nur berührt. Ihn fesselte mehr das bekannte Volkslied über den Untergang Bosniens als die sentimentalen Reflexionen (S. 615—17). über die Lieder der Sammlung, in denen sich auch dieses Volkslied findet, hat V. Jagić maßgeblich gehandelt. Es gilt festzustellen, woher der Sänger sein Wissen über den letzten bosnischen König und dessen Tod bezog, und dies ließe sich, so scheint mir, sehr überzeugend klären.
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Charles du Fresne, sieur du Cange (auch Ducange, Du Cange)

Wie schon erwähnt, hat V. Klaić die zeitliche Abfolge in der Aufzählung der bosnischen Geschichtsdarstellung durcheinandergebracht und nunmehr muß auch ich wenigstens dem Scheine nach ebenso verfahren. Im J. 1746 gab Graf Josef Keglević das sehr geschätzte und verbreitete Werk „Caroli du Fresne Domini du Cange Illyricum vetus et novum" heraus. Darin sind drei Teile vereinigt, wovon der zweite in der Hauptsache aus Du Cange abgedruckt ist, während der erste und dritte von einem Autor stammt, der seinen Namen verschwieg. Ich habe mich bemüht den Nachweis zu führen, daß der Verfasser dieser Schrift Johann Tomka Szâszky, der bekannte Geograph "und Historiker, war.
Die Geschichte Bosniens, des Herzogtums S. Sabba und des Fürstentums Hum ist hier fast wortwörtlich aus Du Cange (S. 124—25 und 126—30) abgedruckt. Deshalb habe ich auch hier gleich im Zusammenhang mit Du Cange das Werk erwähnt, aus dem viele unserer älteren Generationen die bosnische Geschichte kennenlernten. In seiner Darstellung der bosnischen Geschichte hatte dieser Autor mehr als einmal Gelegenheit, sein Wissen vorzuführen und seine Auffassungen herauszustellen, während er den ersten und dritten Teil des genannten Werkes schrieb, besonders aber im dritten (Tractatus posterior). In ihm wird die Geographie. Bosniens speziell behandelt (S. 147), während seine Geschichte in Verbindung mit den einzelnen ungarischen Herrschern gezeigt wird, wie es eben die Rede über deren Beziehungen zu Bosnien verlangt. Ich möchtebesonders hervorheben, daß bei der Abfassung dieses Werkes Bosnien viel Beachtung geschenkt wurde und das im Bewußtsein, eine Geschichte der Südslawen zu schreiben, während der Verfasser in den Zeitabschnitten, die vor dessen Verfall liegen, häufig nur wiederholt, was auch bei Du Cange steht. Die Darstellung reicht bis zum Erscheinungsjahr des Buches (1746), und am Schluß befindet sich als Anhang eine Übersicht über die kroatischen Bane (S. 212—242). Die gesamte Geschichte der Südslawen, vor allem der letzte Abschnitt dieses Werkes, verdient größte Beachtung, und es wäre gut, würde diese Darstellung der bos¬nischen Geschichte eingehend untersucht. Aus den Erörterungen V. Klaićs (S. 4) wird, so befürchte ich, der Leser überhaupt kein klares Bild darüber gewinnen, worum es in diesem wichtigen Werk geht, und noch weniger vermögen dies die Ausführungen von Vl. Ćorovič (S. 12—13) zu bewirken.

Während des großen Krieges gegen die Türkei, nach der zweiten Belagerung Wiens, stellte Kaiser Leopold I. die habsburgischen Ansprüche auf Bosnien als ein angeblich früher den ungarischen Königen gehörendes Land immer stärker heraus. Alle diese österreichischen politischen Bestrebungen im Hinblick auf die südslawischen Länder versuchte Paul Ritter Vitezović wissenschaftlich zu rechtfertigen und zu verteidigen. Aus der umfänglichen Anzahl seiner wissenschaftlichen Arbeiten mit dieser Zielsetzung gilt es das Werk „Bossna captiva" (1712) zu erwähnen. Es wird auch von V. Klaić und Vl. Ćorović genannt, wobei letzterer die Dinge so hinstellt, als sei dies der erste Versuch einer Gesamtdarstellung der Geschichte Bosniens (S. 12). Ebenso haben beide, wenigstens mit einigen Worten, die Bedeutung des Werkes von D. Farlati „Illyricum sacrum" gewürdigt, wobei V. Klaić noch darauf hinweist, in welchem Bande die meisten Nachrichten über die kirchlichen Verhältnisse in Bosnien zu finden sind.
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Farlati, Illiricum sacrum

Aus all dem geht deutlich hervor, wie sorgfältig V. Klaić bei der Sammlung und Berücksichtigung aller Werke vorging, die sich auf die Vergangenheit Bosniens beziehen. Und dennoch ließ er das „Spicilegium observationum hist.-geogr. de Bosniae Regno, Hungarici quondam iuris, occasione armorum Caesareorum hoc anno 1737 in Bosnam motorum" (1737) unerwähnt. Aus L. A. Gebhardis erster Bemerkung zur Geschichte Bosniens hätte er erfahren können, wer der Autor dieses gefälligen Werkes war, nämlich J. Gerhart von Mejern von Berghen; Lj. Gaj besaß es und auch ansonsten dürfte es nicht selten sein. Während diese Schrift weder von V. Klaić noch von Vl. Ćorović genannt wird, verweilen beide bei dem Bosnier Filip Lastrić , der ein für die bosnische Kirchengeschichte interessantes Werk mit dem Titel „Philippus ab Occhievia, Epitome vetustatum Bosnensis provinciae" (1765 und 1776) schrieb.
Die erste Ausgabe mit dem Titel „Epitome vetustatum provinciae Bosnensis" ist wesentlich kleiner als die zweite. Das Exemplar der Franziskaner-Bibliothek in Laibach trägt den bedeutsamen Vermerk, daß das ganze Werk von Druckfehlern nur so strotze und daß der Autor nur einige verbessert habe und die übrigen stehen ließ, auf daß sie der Leser verbessere. Die politische Geschichte Bosniens wird darin nur ganz kurz abgehandelt, und zwar im 7. Kap. (2. Ausg. S. 94—107). Das Werk beruht auf M. Orbini und dem „Illyricum sacrum" von D. Farlati.

Allein V. Klaić vermerkt das Werk des gefährlichen Fälschers Luka Vladimirović (s. oben), das dieser mit dem Titel „De regno Bosnae eiusque interitu narratio hlstorica" (1781) unter dem Pseudonym Prudentius Narentanus herausgab, über diesen Fälscher ist gründlich und ausführlich zu handeln. Bezüglich der Unverfrorenheit seines Vorgehens verweise ich nur auf Β. Poparić. V. Klaić tat recht, G. Ρray und S. Κatοna wenigstens den Namen nach als bemühte Darsteller der bosnischen Vergangenheit zu erwähnen, da ihre Schriften nicht in dem Maße mit politischen Geschmacklosigkeiten angefüllt sind wie diejenigen vieler späterer ungarischer Historiker.

Unerwähnt ließ V. Klaić die erste größere Darstellung der Geschichte Bosniens in deutscher Sprache von L. A. Gebhardi, während Vl. Ćorović das Werk später noch nachtrug, so daß er dadurch den Irrtum auslöste, ein anderer habe als erster deutscher Historiker über bosnische Geschichte geschrieben. Um alles übrige beiseite zu lassen sei nur gesagt, daß dieser Irrtum auf Grund meines kurzen Artikels über Gebhardi in der „Narodna Enciklopedija" hätte vermieden werden können. Dort steht, wörtlich, über die Geschichte der Serben von Gebhardi zu lesen: „Prva srpska opširna istorija nemački napisana". Das Werk entstand folgendermaßen: Auf Grund des Planes zweier Engländer, W. Gutries und J. Grays, gab Ch. G. Heyne Ende des 18. Jh.s eine umfängliche Weltgeschichte heraus. L. A. Gebhardi wurde gebeten, dafür die Geschichte Ungarns und der mit diesem vereinten Länder zu schreiben. Sie erschien vierbändig in Leipzig (1778—1782). Der zweite Band enthält an fünfter Stelle die „Geschichte der Reiche Bosnien und Rama" (1780, S. 708— 802). Dieser Abschnitt wurde als Ganzes wiederabgedruckt in Brünn im J. 1788, während der nur die serbische Geschichte betreffende Teil in Budapest 1808 erneut herausgegeben wurde. Aus Gebhardis Geschichte Serbiens und Bosniens machte Jovan Rajić einen Auszug, den er mit einigen Bemerkungen meist polemischen Inhalts versah (1793); dieses kleine Werk wurde in modernes Serbisch von Nikšić (1848) übertragen. Rajićs Auszug aus Gebhardi behandelt Fr. Ilešić (Prilozi, IV, 1925, S. 92—104); ein Fachhistoriker hätte dem noch vieles hinzuzufügen. Soviel über den ersten Autor eines größeren Werkes über die Geschichte Bosniens in deutscher Sprache. Gebhardi war bestrebt, möglichst viele Quellen und alles Schrifttum über die Vergangenheit dieses ihm fernen Landes zu sammeln und seine Leser damit vertraut zu machen, was er auch ganz im Sinne eines begeisterten Anhängers der Aufklärungsidee vollbrachte. Mit Rücksicht auf die benützten Quellen und seine aufklärerische Tendenz verdiente dieses Werk alle Beachtung der zeitgenössischen Historiker.

L. A. Gebhardi war folglich der erste Deutsche, der die gesamte mittelalterliche Geschichte Bosniens darstellte. Demgegenüber liest man in einer Besprechung des Werkes von Vl. Ćorović „Historija Bosne", Maximilian Schimek habe die erste deutsche Darstellung der bosnischen Geschichte verfaßt. Dieser Irrtum rührt daher, daß Vl. Ćorović Gebhardis Werk nach der Budapester Ausgabe vom J. 1808 zitiert (bei ihm steht jedoch auf S.13, wohl ein Druckfehler, 1805 als Erscheinungsjahr). Auf diese Weise wurde Gebhardi hinter Schimek eingeordnet. In Wirklichkeit aber, wie gesagt, erschien Gebhardis Buch früher und, was noch wichtiger ist, M. Schimek war gar kein Deutscher. Man vergleiche die „Istorija slavjanskoj filologii" (1910) von V. Jagić, wo zu lesen steht, daß dieser Historiker ein Slowene aus der Steiermark war (S. 94). Und ebenso kann man sich davon auch in der Abhandlung, die am ausführlichsten den Werdegang und die wissenschaftliche Tätigkeit Schimeks behandelt, überzeugen, wo es heißt: Jsa rozeny Slovinec z Nejdavy ve Štýrsku ale na Moravě vychován" (vgl. F. Čensky, Κ dějinám reči a literatury české ν XVIII století; Osvěta, VI, 1876, S. 254). Und dennoch ist Schimek kein Slowene, und die umfänglichste Geschichte Bosniens vor Vl. Čorović hat auch kein Deutscher geschrieben wie ein Rezensent des Buches von Ćorović glaubte, sondern es war ein Tscheche. M. Schimek, geboren als Vaclav am 18. August 1748 in Neudau bei Hartberg in der Steiermark, starb am 7. Juni 1798 in Rabensburg in Niederösterreich. Sein Vater war Brauer und kam wohl aus Mähren in die Steiermark. Die Daten über sein Leben sammelte F. Kidrič: Dobrovsky in slovenski preporod njegove dobe (Razprave VII, 1930, S. 210—211). Schimek erhielt den Namen Maximilian erst als Piarist. Er war ein tschechischer Autor, kein besonderer Könner, ein eigenwilliger Liebhaber der Slawistik und verschmähte das Piagieren nicht. Das Serbische nannte er „ilyrsko-slavonština". Von seinen Werken beschäftigt uns hier nur das Buch „Politische Geschichte des Königreichs Bosnien und Rama vom J. 867 bis 1741" (1787) sowie seine Karte von Bosnien (1788). Schimeks große Geschichte Bosniens, die 431 Seiten und einen Anhang umfaßt, erwähnen natürlich auch V. Klaić und Vl. Ćorović in ihren Einleitungen. Es wäre sehr zu begrüßen, würde jemand dieses umfängliche Werk sorgfältig durchforschen besonders im Hinblick auf die Quellen und das Schrifttum, auf denen es beruht. Der wissenschaftliche Ertrag wäre ihm zweifellos gesichert. V. Klaić verfuhr recht (S. 90), als er die politische Voreingenommenheit Schimeks herausstellte, der auf seine Weise das Anrecht Ungarns auf Bosnien zu rechtfertigen trachtete; den wissenschaftlichen Wert des Buches erhöht dieses Bemühen nicht im geringsten Cfr. . Die Karte Schimeks befriedigte seinerzeit schon E. Richter nicht, da sie bereits damals hätte besser sein können. Ich möchte aber besonders herausstellen, daß mir wichtig erscheint, daß die Geschichte Bosniens bei Schimek als die eines selbständigen politischen Ganzen aufgefaßt wurde.


In einen interessanten Zusammenhang brachte der Baron Franz Xaver Pejačević die Geschichte Bosniens in seinem großen Folianten Pejacseνich F. X., „Historija Serviae" (das Exemplar des Histor. Seminars zu Laibach trägt die Jahreszahl 1797, andere sind anders datiert). Pejačević hat die Geschichte Bosniens unlöslich mit der Serbiens verschmolzen. Die Schrift ist aller politischen Tendenzen bar, wohl aber von dem heißen Wunsch erfüllt, die römische Kirche möge durch kluges Nachgeben die Vereinigung der Ost-und Westkirche' erleichtern. Doch ungeachtet dieser Lieblingsidee steht sein Werk auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau, es ist daher für die Gechichte Bosniens sehr bedeutsam, wie ich hoffe nachgewiesen zu haben (Razprave, Bd. V-VI, 1930, S. 253—304).
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Johann Christian (von) Engel, 1770-1814

Ein der Darstellung Gebhardis in der Konzeption und Tendenz sehr ähnliches Werk verfaßte Johann Christian Engel „Geschichte des Ungrischen Reichs und seiner Nebenländer" (Teil III: „Geschichte von Serwien und Bossnien" 1801). Die Quellen und das Schrifttum für die bosnische Geschichte nennt er im ersten Teil (S. 283—92) und ergänzt dieselben im dritten Teil (S. 121—39). Der kranke und hingebungsvolle Autor war geradezu von einer Leidenschaft des überstürzten Schaffens erfaßt, so daß er in unglaublich kurzer Zeit seiner Feder ganze Bände entlockte. Daher ihre Unvollkommenheit, die zahllosen Nachträge und Berichtigungen, meist überladen infolge des leidenschaftlichen Schürfens nach entlegenen Quellen und Literatur. Darum ist es unbedingt erforderlich, das ganze Werk Engels hinsichtlich der mittelalterlichen Geschichte Bosniens zu durchforschen, wobei man oft an unvermuteten Stellen auf wichtige Nachrichten stößt. Engels Hauptanliegen war im Band III die Geschichte Serbiens, und es ist sehr wichtig, daß er die bosnische Geschichte damit verknüpft. Der Einfluß seines Werkes auf die serbischen Leser war beachtlich, und diesen gefiel gerade dasjenige, was V. Klaić (S. 8) ihm verübelte: „da je poviest Bosne posve stopio s poviesti Srbije".

Bei Engel fällt bereits auf, trotz seiner Forscherleidenschaft und der glücklichen Hand bei der Entdeckung von Geschichtsquellen und Schrifttum, daß bezüglich der bosnischen Geschichte fortgesetzt die gleichen Quellen und die gleichen Darstellungen wiederkehren. Einen Hauch von Neuheit und Frische brachte die Veröffentlichung der serbischen Urkunden in die schon fade Sammlung bosnischer Geschichtsquellen, die Paul Karano-Tvrtković (1840) in den „Spomenici" herausbrachte und die Serbien, Bosnien und Ragusa betreffen. Leider war P. Karano-Tvrtković dafür nur ungenügend vorgebildet, so daß er die Verbundenheit dieser Gebiete untereinander nicht klar genug aus den edierten Quellen erkannte. Berücksichtigt man aber seine mangelnde Kenntnis und nimmt an seinem Titel die nötigen Abstriche an Pleonasmen vor, so wird das deutlich, was ich soeben hervorhob. Dieser Edition bediente sich als erster Ivan Franjo Jukić in dem Werk „Zemljopis i poviestnica Bosne" (1851). Er wird natürlich auch von V. Klaić und Vl. Ćorović genannt und von dem ersteren auch gelobt; seine Abhängigkeit von F. Pejačević blieb aber leider unerwähnt.


Weit weniger Anerkennung findet der Russe A. Majkον bei V. Klaić, den Vl. Ćorović gänzlich überging. Ich entsinne mich dagegen, daß ich als Gymnasiast mit Nutzen und Dankbarkeit aus A. Majkov Kenntnisse über die Geschichte Bosniens bezog. A. Majkov fühlte als Fachmann aus der Quellenedition von Karano-Tvrtković die Verbundenheit und Einheit Serbiens, Bosniens und Ragusas heraus. Mit der urwüchsigen Kühnheit eines echten Gelehrten konzipierte er sein großes Werk „Istorija serbskago jazyka po pamjatnikam, pissanym kiriliceju, ν svjazi s istorieju naroda" (1857). Nach der breiten Einführung (S. 1—58) folgt die Geschichte Ragusas (S. 59— 170), die Geschichte Bosniens (S. 171—204) und die Geschichte Serbiens (S. 205—306). Diesen allgemeingeschichtlichen Teil brachte Dj. Daničić „Istorija srpskoga naroda" bereits im J. 1858 in Übersetzung heraus (2. Aufl. 1876). Die bosnische Geschichte ist auf S. 143—192 enthalten. Das Werk A. Majkovs ist die erste umfänglichere Darstellung der bosnischen Geschichte vom Standpunkt eines rechtgläubigen Slawen. Was die Feststellung von Tatsachen betrifft, so mangelt es dem Buche nicht an Irrtümern, aber weit mehr fallen die neuen Gesichtspunkte und die ausgezeichneten Anregungen für die Forschung in anderer Richtung ins Gewicht. Für A. Majkov bedeutet bosnische Geschichte das Studium und die Erforschung der Vergangenheit des serbischen Volkes innerhalb dieses Landstrichs mit fortwährender Blickrichtung auf die übrigen serbischen Landstriche. Als Abschluß seiner gut fundierten Darstellung bot A. Majkov eine geschlossene kleine Philosophie der bosnischen Geschichte (S. 199—204; in der 2. serb. Aufl. S. 185—192). Die kritische Historiographie unserer Zeit berauscht sich nicht mehr an der Geschichtsphilosophie, nicht einmal mehr in dem Maß wie T. Masaryk, den die Geschichtsphilosophie der kleinen Völker besonders interessierte. Unsere Wissenschaft ist heute jedoch nicht nur gegenüber den Geschichtsphilosophien sondern auch gegenüber den modernen Synthesen kühner Soziologen sehr auf der Hut. Andererseits wiederum wissen wir die Aufrichtigkeit und den Gefühlselan zu schätzen, von denen manche Geschichtsphilosophien getragen sind. Zu ihnen gehören ganz zweifellos auch diese wenigen Seiten A.Majkovs über den tieferen Sinn der bosnischen Vergangenheit. Verglichen mit diesen Ausführungen, erweisen sich viel später ähnliche Versuche lediglich als Trivialitäten. Aus diesem Grunde schon sollte das Buch von A. Majkov nicht übersehen, geschweige denn vergessen werden.
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Fr. Miklosich, Monumenta Serbica spectantia historiam Serbiae, Bosnae, Ragusii

Rund ein Jahr später edierte F. Miklosich alle ihm erreichbaren kyrillisch geschriebenen Urkunden in seinen „Monumenta serbica, spectantia historiam Serbiae,Bosnae, Ragusii" (1858). Darin legt Miklosich auch das Bekenntnis ab, daß er die Sprache als die Hauptklammer ansieht, die Einzelne zur Nation vereint. Deshalb hat er Serbien mit Bosnien und Ragusa als festes Ganzes zusammengefaßt. Auf die politischen Ambitionen und rechtlichen Fiktionen nahm er keine Rücksicht, wohl aber auf die gleichen Traditionen. Nach Miklosich erschien die Edition verwandten Inhalts von M. Pucić „Srbski spomenici" (I, 1858; II, 1862). Die Veröffentlichung der Urkunden in den Sammlungen von Miklosich und Pucić schufen die Voraussetzung für ein noch tieferes Eindringen in die Vergangenheit Bosniens, der nun auch F. Rački und insbesondere H. Ruvarac vorzügliche Seiten ihrer Publikationen widmeten. Vor allem H. Ruvarac sah sich durch die Verworrenheit der politischen und kulturellen Verhältnisse in Bosnien stets zu neuer Forschung angezogen, und die qualvollen und verwickelten bosnischen Probleme waren ein guter Prüfstein für den ersten serbischen kritischen Historiker.

Dieser neuen Quellensammlungen und mancher kritischen Studie durfte sich V. Κlaić bereits bedienen, als er sich an die verantwortungsvolle Arbeit der Abfassung einer bosnischen Geschichte auf wissenschaftlicher Grundlage begab. Er hat die Aufgabe die er sich gestelltvorzüglich gelöst. Wederdarf noch kann ich ihm mehr Lob zollen als: Er war bestrebt, jede Behauptung an Hand der kritisch überprüften Quellen und der selbständig verwendeten Literatur zu erhärten. Sein Werk ist heutigentags natürlich veraltet, zumal seither neue Quellen ediert wurden und die älteren nicht selten Gegenstand eines vertieften und exakteren Studiums waren, vor allem seitens H. Ruvaracs. Es wäre jedoch völlig abwegig, im Werk von V. Klaić ein vollkommen überholtes Handbuch sehen zu wollen; denn das ist es allein schon auf Grund seiner Quellenkritik nicht und noch weniger auf Grund der Darstellung und der Auffassungsweise, obschon man gerade in dieser Hinsicht an ihm am meisten bemängeln könnte.

Man dürfte auch nicht leichtfertig in einer großen Geschichte Bosniens die besten, für Ausländer bestimmten umfänglichen Werke über Bosnien übergehen, vielmehr sind auch sie zu würdigen. Ich habe vor allem zwei solche Werke im Auge: J. Ásbóth „Bosnien und Herzegowina" (1888) und L. Olivier „La Bosnie et l'Hercegovine" (1901). Den Abschnitt in dieser „L'Histoire et les monuments en Bosnie-Herzégovine" schrieb Ch. Diehl. Cfr. Hinsichtlich der polemischen Literatur über die Vergangenheit Bosniens erscheint Zurückhaltung geboten, wenn man über wissenschaftliche geschichtliche Arbeiten handelt. Aber das Werk von Lj. Jovanović „Ο prošlosti Bosne i Hercegovine" (I, 1909) darf In einem Verzeichnis der bedeutenden Arbeiten aus der Geschichte Bosniens nicht fehlen. Vl. Ćorović nennt in seiner Übersicht auch das Buch „Poviest Bosne" von Milan Ρrelog, das ο. J. in drei Bänden erschien. Der Autor sagt über seine „Študije iz bosanske povijesti" (1908) selbst: „Ne mislim da ću ο ovom odsjeku bosanske povijesti iznijeti štogod osobito i novo" (S. 3), und dies gilt in weit höherem Maße auch für seine Geschichte Bosniens. Dagegen aber läßt Vl. Ćorović das vorzügliche Werk von Constantin Jireček „Geschichte der Serben" (I, 1911; II, 1918) ohne jede Erwähnung, obwohl darin die ganze Entwicklung Bosniens während des Mittelalters dargestellt wird. Auch für C. Jireček war Bosnien durch seine Tradition ein serbisches Land und dies war der Grund, es in seiner Geschichte der Serben zu behandeln, natürlich in dem Rahmen, der ihm im Verhältnis zur serbischen Entwicklung als Ganzes zukommt. Dies tat C. Jireček mit dem ganzen Gewicht seiner Gelehrtheit und mit der Würde seiner wissenschaftlichen Überzeugung. Auch er sah die große Schwierigkeit in der an gemeinsamen Beziehungen reichen Entwicklung Serbiens und Bosniens; anders und hinsichtlich des wissenschaftlichen Anliegens gesagt: die vielfachen Übergänge, die eine einheitliche und geschlossene Darstellung der serbischen Geschichte in mißlicher Weise stören. Aber die gleichen Unzulänglichkeiten begleiten, wenn auch in geringerem Maße, den Historiker, der Bosnien allein darstellen möchte, auf Schritt und Tritt, da seine Entwicklung zersplittert ist und nach, vielen und oft ungenügend zusammenhängenden Richtungen weist.

C. Jireček hat diese Zerrissenheit in der Entwicklung nirgends zu Gunsten einer Glättung der Darstellung verschwiegen, so daß seine Erörterung, vor allem im zweiten Band, oft sehr uneinheitlich wirkt. So aber war das gesamte politische Leben jener Zeit, um deren Darstellung sich dieser Band bemüht. Auf die Geschichtsphilosophie der serbischen und bosnischen Vergangenheit oder gar in eine geschichtliche. Synthese ließ sich C. Jireček nie ein. Verfiel er schon stellenweise in eine rückschauende Beleuchtung der Entwicklung, so sind das nur Ausnahmen, denen er sich, nicht entziehen konnte. Die Synthese als eine zwar angenehme aber verantwortungsvolle Leistung überließ er den Lesern. Sein tiefes Interesse für die bosnische Vergangenheit konnte C. Jireček — um von anderen abzusehen — seinen beiden Schülern J. Radonić und Α. Ιvić einpflanzen (J. Radonić „Der Großvojvode von Bosnien, Sandalj Hranić Kosača" in: Archiv f. slav. Phil., XIX, 1897, S. 380—465; J.Radonić „Ο knezu Pavlu Radenoviću" in: Letopis, 211, 1902, S.39—62 und 212, 1902, S. 34—61; A. Ivić „Radosav Pavlović, veliki vojvoda bosanski" in: Letopis, 245, 1907, S. 1—32 und 246, 1907, S. 24—48).


5.

Das sind also die hauptsächlichen Vorläufer Vl. Ćorovićs, des Verfassers der „Historija Bosne". Neben aller Forschergelehrtheit, der Darstellungskunst und der Redlichkeit in der Auffassung hinterließ sie ihm eine Vielzahl ungelöster Probleme und strittiger Ansichten. Ich habe einleitend hervorgehoben, daß ich der Meinung bin, daß die ungelösten Fragen und strittigen Auffassungen am besten in einer Reihe sorgfältiger, ernsthafter und ungetrübter Einzelkritiken herauszuarbeiten wären. Ich klammere sie hier also aus. Indes halte ich es für meine Pflicht, auch in dieser Übersicht über Darstellungen der bosnischen Geschichte den Lesern bezüglich des Werkes von Vl. Ćorović wenigstens folgendes zu sagen: Während V. Klaić und C. Jireček bestrebt waren im wissenschaftlichen Apparat die Quellen für jede ihrer Behauptungen aufzuführen, ist Vl. Ćorović in diesem Betracht, in der Anführung von Quellen und Schrifttum, überaus sparsam. Vielleicht war es seine ursprüngliche Absicht, das Werk damit nicht zu überladen und leichter lesbar zu machen; mag sein, daß daher die vielen Behauptungen, manchmal ganze Kapitel der Darstellung, herrühren, die ohne Erhärtung durch Quellen und Schrifttum blieben.
Daher ist es bei der Lektüre seines Buches sehr nützlich, ja notwendig, Klaić, Jireček und oft auch F. Rački, H. Ruvarac, F. Sišić, M. Dinić, Čremošnik u. a. zur Hand zu haben und im Zweifelsfalle nach den Quellen zu suchen, auf die sich Ćorovićs Behauptungen stützen. So z. B. bei den beiden Stellen, da Ćorović die Popularität des Kulin Ban herausstreicht (S. 175 u. 395), wo ein Blick in V. Klaić (S. 65 u. 231) nottut Auf diese Weise glaube ich also einen Weg zur wissenschaftlichen Verwendung dieses umfänglichen Werkes aufgezeigt zu haben, und darüber hinaus begnüge ich mich mit der Überzeugung, dem wahrheitssuchenden Leser die Hilfsmittel vorgeführt zu haben, mit deren Hilfe er sich ein eigenes Urteil über die Natur der verworrenen Entwicklung des mittelalterlichen Bosnien bilden kann in dem Bewußtsein, daß ein Aufdrängen fertiger Meinungen in der kritischen Geschichtswissenschaft nicht nur keinen Platz hat sondern den selbständigen und kritischen Leser sogar beleidigt. Cfr.
Ich hoffe genügend klar herausgestellt zu haben, auf welche Weise sich die verschiedenen Konzeptionen der Geschichte Bosniens wie ein Pendel zwischen zwei entgegengesetzten Auffassungen bewegen: auf der einen Seite die Ansicht, daß Bosnien im Mittelalter durch Tradition und Art der Entwicklung (nach einigen Auffassungen auch auf Grund des Glaubens) ein serbisches Land war, das durch starke geistige Klammern an die übrigen serbischen Länder gefesselt war, während nach Ansicht anderer das mittelalterliche Bosnien ohne ausgeprägtes und herauskristallisiertes Nationalgefühl und ohne religiöse Bande der Oberhoheit Ungarns und. seinen allseitigen Einflüssen unterworfen war. Die moderne Wissenschaft wurde mit solchen Auffassungen auf die übelste Weise durch L. Thallóczy in zahlreichen Arbeiten verführt, die unter wissenschaftlicher Maske politische Fallen legten.

Ich weiß um die Hauptschwierigkeiten des Eindringens in die mittelalterliche Entwicklung Bosniens, und deshalb möchte ich zum Trost und zur Ermunterung hervorheben: Auf Grund seiner zweifellos sehr komplizierten Lage im Verhältnis zu Serbien und Ungarn war Bosnien dennoch kein vereinzeltes, einmaliges Land in Europa. Es kennt gemäß der Kompliziertheit seiner Lage in der Vergangenheit Parallelen wie Piemont, Elsaß mit Lothringen und Belgien. In diesen kreuzen sich verschiedene Stämme und fremde Kulturen, die in ihrem Schöße Probleme bergen, die ein kluges Vorgehen und gut vorausbedachte Lösungen erfordern. Bosnien unterscheidet sich von ihnen durch seine junge Lebenskraft und durch die Einheit seiner schönen Volkssprache.

Das schwere Erbe der bosnischen Vergangenheit zeigt die kritische Geschichtsschreibung. Keinesfalls darf vergessen werden, daß sich die Vergangenheit mit ihren Kräften, die die Gegenwart bestimmen und den Weg in die Zukunft weisen, niemals unterdrücken und beiseite schieben läßt. Die Geschichte wartet nicht, bis man aus ihr lernt, unaufhaltsam in ihrer wirkenden Kraft bringt sie bittere Erfahrungen jenen, die sie nicht kennen und nicht in Rechnung stellen.



In: Südost-Forschungen XIX (1960) 146-163.

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